Helga Bruderer

Betriebsökonomin mit Sinn für die leisen Dinge

2–3 Minuten

Die Gemeine Sichelschrecke

Fusspflege hinterm Glas

Ein paar Tage lang hielt sich eine Heuschrecke in meinem Wohnzimmer auf. Sie war grün, hatte lange Fühler und Flügel. Die feine Zeichnung auf den Flügeln erinnerte mich an Blattadern. Insgesamt mass sie bis zu den Flügelspitzen knapp vier Zentimeter. Später fand ich heraus, dass es eine Gemeine Sichelschrecke war.

Als ich sie vorsichtig mit einem Glas einfing, schreckte sie nicht auf. Sie putzte sich sogar die Füsse und schaute zwischendurch immer wieder zu mir. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich ebenfalls beobachtete. Während ich also versuchte, möglichst gute Fotos von ihr zu machen, widmete sie sich weiter ihrer Fusspflege.

Auf den Nahaufnahmen sind einige Details gut zu erkennen: ein angewinkeltes Bein, der Fuss an den Mundwerkzeugen und die winzigen Punkte auf ihrem Körper. Für mich war es eine Gelegenheit, einem Insekt zuzuschauen, das ich sonst nur selten so nah sehen kann.

Ob sie tatsächlich entspannt war, weiss ich natürlich nicht. So wirkte sie jedoch auf mich. Dieser Eindruck gehört für mich genauso zur Begegnung dazu wie die Neugier, welche genaue Tierart einige Tage mein Wohnzimmer mitbenutzt hatte. Die folgenden Angaben beziehen sich auf die Gemeine Sichelschrecke (Quelle: Orthoptera.ch).

Die Artenbestimmung

Zunächst hielt ich sie für eine Punktierte Zartschrecke. Beim Vergleichen der Bilder rückte jedoch die Gemeine Sichelschrecke, Phaneroptera falcata, in den Vordergrund. Die genaue Artbestimmung ist noch nicht sicher. Das Artporträt von Orthoptera gab mir einen Einblick in ihre Lebensweise.

Die Gemeine Sichelschrecke hat einen Körper, der nur etwa 12 bis 18 Millimeter lang ist. Ihre Hinterflügel sind deutlich länger. Die etwa vier Zentimeter meiner Besucherin schliessen die Flügel mit ein. Diese Unterscheidung ist beim Vergleichen mit Bestimmungsangaben wichtig. Die ähnliche Vierpunktige Sichelschrecke lässt sich unter anderem an der Form des Halsschilds und den Anhängen am Hinterleibsende unterscheiden. 

Lebensraum

Die Gemeine Sichelschrecke bewohnt warme Standorte mit höherer Vegetation und Büschen, darunter Brachen, Böschungen und gebüschreiche Wiesen. Solche Strukturen gehören zu ihrem Lebensraum. 

Gesang, Nahrung und Eiablage

Besonders interessant finde ich, wie viel vom Leben eines solchen Tieres unserer unmittelbaren Wahrnehmung entgeht. Der Gesang der Gemeinen Sichelschrecke besteht aus leisen Lauten mit einem Frequenzschwerpunkt von 17 bis 28 Kilohertz. Im Freien ist er ohne Ultraschalldetektor schwer wahrzunehmen. Ihre Nahrung umfasst Blüten, Blätter und kleine Insekten. Die Weibchen legen ihre Eier zwischen die obere und untere Haut von Strauchblättern; dort überwintern sie. 

Zurück ins Grüne

Draussen hielt ich das Glas an ein Blatt. Die Sichelschrecke ging unaufgeregt hinüber. Auch das Foto auf dem Blatt beschäftigt mich. Die grüne Farbe, die langgezogenen Flügel und ihre feine Äderung fügen sich erstaunlich gut in die Umgebung ein. Auf dem Bild weiss ich, wo ich hinschauen muss. Wie oft bin ich wohl schon an einem solchen Tier vorbeigegangen?

Meine Fotos zeigen einen kleinen Ausschnitt dieser Begegnung. Besonders mag ich das Bild, auf dem sie ihren Fuss zum Mund führt. Dieses alltägliche Detail hat meine Aufmerksamkeit geweckt und mich neugierig gemacht, mehr über sie zu erfahren.

So möchte ich hier über die Insekten schreiben, denen ich begegne. Dabei teile ich meine Beobachtungen, meine Fotos und das Wissen, das ich dabei sammle. Bei dieser Sichelschrecke ist die genaue Art noch nicht bestimmt. Ihre sorgfältige Fusspflege habe ich jedoch aus nächster Nähe beobachten können.

Danke fürs Lesen

© Helga Bruderer 2026