Helga Bruderer

Betriebsökonomin mit Sinn für die leisen Dinge

9–14 Minuten

Fediverse & POSSE – Die Entdeckung des neuen Social Internets

Frei fühlen und Ownership mit dem POSSE-Konzept

In meinem ersten Blogartikel habe ich darüber geschrieben, wie sich berufliche Authentizität mit algorithmischer Normierung vereinbaren lässt, und warum ich begonnen habe, mir mit meiner eigenen Webseite einen Raum für Sichtbarkeit im Internet zu schaffen. Einen Ort für meine beruflichen Interessen, meine Gedanken über Natur und Gesundheit und auch für mein Hobby, über die Abenteuer meiner Haustiere zu schreiben. Eben all das, was mich ausmacht.

Damit war für mich eine weitere Frage verbunden: Wie kann ich auf meine Inhalte aufmerksam machen, ohne mich ständig danach zu richten, was ein Algorithmus gerne hätte? Ich wollte mehr über das Fediverse erfahren und darüber, welche Möglichkeiten es gibt, Menschen ausserhalb von LinkedIn zu erreichen.

Bei meiner Recherche im Internet stiess ich auf IndieWeb und das POSSE-Konzept. Interessantes Konzept, dachte ich. Und begann, die Infrastruktur dafür aufzubauen. Es folgten Mastodon, Bluesky, die Beschäftigung mit Bridgy und ziemlich viele Fragen zu meiner eigenen Webseite. Später kam MainDeck dazu.

Falls du ebenfalls die Schnauze voll hast von LinkedIn und Co., aber noch keine rechte Vorstellung davon, wie es weitergehen könnte, hilft dir vielleicht mein Weg. Ich beschreibe, was ich eingerichtet habe, welche Herausforderungen ich dabei hatte und was noch vor mir liegt.

Die Entdeckung von POSSE

Das POSSE-Konzept, 2021, Tantek Çelik, Quelle: IndieWeb

Für mich hat das eine klare Richtung aufgezeigt, mit der ich auf meiner Webseite schon begonnen hatte. Dort sollten meine Inhalte entstehen und veröffentlicht werden. Von hier aus wollte ich sie mit anderen teilen. Deshalb musste ich mich damit beschäftigen, wie meine Webseite, ein Blog und verschiedene Netzwerke zusammenarbeiten können.

So setze ich POSSE für mich um: Der vollständige Artikel erscheint auf helgabruderer.com. Für die Plattformen, auf denen ich aktiv sein möchte, verfasse ich einen passenden Einstieg und verlinke auf den Artikel. Dort können die Menschen reagieren und ins Gespräch kommen. Wer mehr lesen möchte, findet den ganzen Text auf meiner Webseite.

Mit Ownership verbinde ich praktische Dinge: 1. Meine Domain ist meine Adresse im Netz. Ich entscheide über Themen, Aufbau und Darstellung. Ausserdem möchte ich meine Texte und Bilder sichern und mitnehmen können, wenn ich den Anbieter wechsle. 2. Auch eine eigene Webseite braucht technische Dienstleister. Deshalb gehört für mich zur Einrichtung auch die Frage, wie ich meine Inhalte wieder herausbekomme.

Den Abschied von LinkedIn vorbereiten

Wer LinkedIn verlassen oder seine Nutzung reduzieren möchte –wie ich, findet bei Michael Boelen eine ausführliche Schritt-für-Schritt-Anleitung. Er beschreibt seinen eigenen Rückzug und begründet, weshalb er sein Profil vorerst als Hinweis auf seine neuen Kontaktmöglichkeiten bestehen lässt. Für den Anfang lassen sich daraus einige Aufgaben mitnehmen:

  1. Einen Datenexport anfordern, herunterladen und prüfen, was darin enthalten ist.
  2. Eigene Artikel, berufliche Angaben und andere wichtige Inhalte zusätzlich sichern.
  3. Überlegen, mit welchen Menschen man verbunden bleiben möchte, und ihnen die neuen Kontaktmöglichkeiten mitteilen.
  4. Im Profil und gegebenenfalls mit einem Beitrag auf die eigene Webseite und andere erreichbare Profile hinweisen.
  5. Zuständigkeiten für betreute Gruppen oder Unternehmensseiten klären.
  6. Danach entscheiden, welche Inhalte und Verbindungen man entfernt und ob das Profil bestehen bleiben soll.
  7. Für deinen eigenen Weg kannst du auswählen, was zu deiner Situation passt. Wenn du LinkedIn beruflich noch brauchst, kannst du die neue Infrastruktur zunächst parallel aufbauen.

Die Webseite als Ausgangspunkt einrichten

Eine eigene Webseite muss am Anfang nicht umfangreich sein. Eine Vorstellung der Person, eine Kontaktmöglichkeit und eine Blog-Unterseite für die eigenen Beiträge schaffen bereits eine Grundlage. Wer noch keine Webseite hat, braucht dafür eine Domain und eine Möglichkeit, die Seite zu erstellen und zu betreiben.

Meine Webseite läuft mit dem Site Creator von Infomaniak. Ich habe mich für Infomaniak entschieden, weil es eine unabhängige und datenschutzkonforme Schweizer Cloud-Alternative zu den US-Tech-Giganten ist. Überzeugt hat mich auch der ökologische Ansatz. Das neue Genfer Rechenzentrum nutzt nämlich seine Abwärme, um über das Fernwärmenetz bis zu 6’000 Wohnungen zu beheizen. Eine ziemlich gute Sache also! Die entscheidende Frage für meinen nächsten Schritt lautete dann: Wie bekomme ich einen Blog auf meine Webseite, dessen Artikel Menschen abonnieren können?

Wenn du bereits einen Webseitenanbieter hast, frage zuerst dort nach, zum Beispiel «Bietet mein Tarif eine Blogfunktion mit einer eigenen Adresse für jeden Artikel und einem RSS- oder Atom-Feed? Wo finde ich den Feed, und wie kann ich meine Beiträge und Bilder exportieren?» Ist das vorhanden, kannst du die bestehende Funktion nutzen. Fehlt etwas, lohnt sich die Prüfung einer Ergänzung. Achte dabei darauf, ob dein Baukasten fremden HTML- und JavaScript-Code zulässt und welche Funktionen im gewählten Tarif enthalten sind.

Mein Weg mit BlogHandy

Für meine Webseite habe ich BlogHandy gewählt. Damit konnte ich einen Blog in die vorhandene Seite einbinden, weil Infomaniak (noch) keinen RSS Feed anbietet. Die Artikel verwalte ich bei BlogHandy; auf meiner Webseite erscheinen sie im eingebundenen Blogbereich.

Ich habe das zunächst auf einer separaten Testseite ausprobiert und erst danach auf meine eigentliche Webseite übertragen. Dieser Zwischenschritt war hilfreich, weil ich sehen konnte, ob der Blog lädt und ob der Feed tatsächlich einen Beitrag enthält.

Die Einführungsanleitung von BlogHandy beschreibt die Einbindung über zwei Codebestandteile. Für die praktische Umsetzung würde ich so vorgehen:

  1. Auf der Webseite eine eigene Unterseite für den Blog anlegen, beispielsweise unter /blog.
  2. Im BlogHandy-Dashboard die beiden Codebestandteile kopieren. Das Ladeskript wird entsprechend der Anleitung eingebunden, der Platzhalter kommt an die Stelle, an der die Artikel erscheinen sollen.
  3. In BlogHandy unter Settings → General die vollständige Adresse der Blog-Unterseite als Blog URL eintragen.
  4. Einen Testartikel mit Titel, Text und Kategorie anlegen und veröffentlichen.
  5. Die öffentliche Webseite öffnen und die Darstellung sowie die Verlinkungen prüfen.
  6. Den RSS-Feed öffnen und kontrollieren, ob der Beitrag enthalten ist und sein Link zum richtigen Artikel führt.

Was in der Anleitung übersichtlich aussieht, hat mich in der Umsetzung länger beschäftigt, als ich erwartet hatte. Der Artikel erschien. Beim Anklicken landete ich auf der Startseite. Dann funktionierte der Artikellink, aber «Back to Blog» führte an den falschen Ort. Und als ich schon dachte, jetzt sei alles fertig, machten die Artikel-Rubriken dasselbe.

In meiner Kombination aus Site Creator und BlogHandy brauchte ich dafür eine zusätzliche Anpassung. Das ist meine Erfahrung mit dieser Einrichtung. Ein anderer Webseitenbaukasten kann sich anders verhalten. Den Zusatzcode würde ich deshalb nicht ungeprüft auf eine andere Webseite übertragen.

Aus meinen Versuchen ist eine kurze Prüfliste entstanden:

  • Öffnet sich jeder Artikel?
  • Führt der Rücklink zur Blogübersicht?
  • Zeigen die Rubriken die passenden Beiträge?
  • Funktionieren diese Wege auch ausserhalb des Bearbeitungsmodus?
  • Und stimmen die Links im RSS-Feed?
  • Ein sichtbarer Blog ist ein guter Anfang. Diese Klicks gehören zur Kontrolle dazu.

Auch bei den Bildern und Textfeldern lohnt es sich, genau hinzuschauen. Das Vorschaubild und ein Bild im Artikel können getrennte Einstellungen sein. Ein SEO-Seitentitel und eine sichtbare Blogüberschrift ebenfalls. Ich hatte zeitweise eine zusätzliche grosse Überschrift auf der Seite, während ich eigentlich den Namen in der Feed-Anzeige ändern wollte.

Zur Mitnahme meiner Inhalte habe ich beim Support nachgefragt. Uwe, Mitgründer von BlogHandy, hat mir schriftlich bestätigt, dass ein manueller Datenexport auf Anfrage möglich ist. Eine selbst bedienbare Exportfunktion gibt es seiner Auskunft nach derzeit nicht. Welche Formate und Bilddateien der Export genau umfasst, ist für mich noch offen. Wer BlogHandy in Betracht zieht, sollte diese Punkte und die aktuellen Tarifbedingungen für sich klären und eigene Texte sowie Originalbilder zusätzlich sichern.

RSS macht den Blog abonnierbar

Mit RSS stellt eine Webseite neue Beiträge in einem Format bereit, das ein Feedreader abrufen kann. Wer mehrere Blogs liest, kann ihre Feeds in einem solchen Reader sammeln und sieht dort, wenn neue Artikel erscheinen. Bei manchen Feeds ist der ganze Text enthalten, bei anderen ein Auszug mit einem Link.

Für Leserinnen und Leser bedeutet das: Feedadresse kopieren, im Feedreader einfügen und abonnieren. Ich habe meinen Feed im Browser Vivaldi geöffnet. Dort konnte ich sehen, ob Titel, Inhalt und Artikeladresse richtig übernommen wurden.

Wenn du es ausprobieren möchtest, findest du hier den RSS-Feed meines Blogs. Für die eigene Webseite ist ein gut sichtbarer Link mit einer Bezeichnung wie «Blog per RSS abonnieren» sinnvoll. Die technischen Zeichen, die beim direkten Öffnen eines Feeds je nach Browser erscheinen, sind die Daten, die der Reader verarbeitet.

RSS hilft Menschen, meinen Blog direkt zu verfolgen. Für das Teilen auf meinen Social-Media-Profilen braucht es zusätzlich einen eigenen Ablauf.

Mastodon und meine ersten Schritte im Fediverse

Mastodon war eines der Angebote, mit denen ich mich auf meinem Weg beschäftigt habe. Wer dort beginnt, wählt zunächst einen Server. Auf ihm liegt das eigene Konto. Über das Netzwerk kann man auch Menschen auf anderen verbundenen Servern folgen. Die Mastodon-Anleitung zur Anmeldung erklärt diesen Einstieg.

Für den Anfang würde ich mir Zeit für die Serverbeschreibung und die Moderationsregeln nehmen, mein Profil ausfüllen und die eigene Webseite verlinken. Dann Menschen und Themen suchen, Beiträge lesen und ins Gespräch kommen. Für den Austausch muss nicht sofort ein fertiger Veröffentlichungsplan stehen.

Für meine Artikel möchte ich Mastodon als einen Ort nutzen, an dem ich einen Gedanken aus dem Text aufgreife und auf den vollständigen Beitrag verweise. Die Formulierung darf persönlich sein. Schliesslich möchte ich auch hier als Mensch mit unterschiedlichen Interessen erkennbar bleiben.

Bluesky als weiterer Ort für Gespräche

Danach kam Bluesky dazu. Technisch verwendet Bluesky das AT Protocol, während Mastodon auf ActivityPub basiert. Es sind unterschiedliche Netzwerke. Verbindungen zwischen ihnen können über Brückendienste entstehen. Bluesky erläutert seine Technik und die Unterschiede auf seiner Informationsseite.

Auch hier lässt sich klein anfangen: Konto anlegen, die Webseite im Profil hinterlegen, interessante Menschen und Feeds suchen und einen ersten Beitrag teilen. Für meine Umsetzung von POSSE bleibt der vollständige Artikel auf meiner Webseite. Auf Bluesky kann ich einen Ausschnitt meines Gedankens mit einem Link dorthin veröffentlichen.

Ich muss dafür nicht auf jeder Plattform denselben Text verwenden. Je nachdem, an welches Gespräch ich anknüpfe und wen ich erreichen möchte, kann ein anderer Einstieg sinnvoll sein.

MainDeck und die Frage nach dem beruflichen Netzwerk

Im Verlauf meiner Suche tauchte MainDeck auf. Es war für mich das erste Angebot, das als mögliche Alternative zu LinkedIn für den beruflichen Austausch in Betracht kam. Inzwischen habe ich dort mein Profil eingerichtet.

MainDeck beschreibt sich als berufliches Netzwerk mit EU-Hosting und einem chronologischen Feed. Menschen können Personen, Themen und sogenannten Decks folgen. Laut Anbieter sind Profile zunächst nur für angemeldete Mitglieder sichtbar. Die eigene Sichtbarkeit lässt sich einstellen. Die Startseite nennt derzeit eine Warteliste oder Einladung als Zugang.

Das sind die Angaben des Anbieters und mein bisheriger Einstieg. Wie sich der Austausch dort entwickelt und welche beruflichen Kontakte daraus entstehen, kann ich noch nicht beurteilen. Das Netzwerk muss bei MainDeck noch wachsen. Für mich ist es ein Angebot, das ich weiter erkunden möchte.

Und was ist mit Substack ?

Substack kann interessant sein, wenn du Texte auch als Newsletter verschicken und dort eine Leserschaft aufbauen möchtest. Ich führe es hier als zusätzliche Möglichkeit auf. Aber einen eigenen Erfahrungsbericht dazu habe ich noch nicht.

Für meine derzeitige Umsetzung würde ich zuerst klären, welche Aufgabe ein weiterer Kanal übernehmen soll und wie viel Zeit ich ihm geben möchte. Wenn ich Substack ergänze, würde ich ebenfalls festlegen, wie die dortigen Veröffentlichungen mit den Originalen auf meiner Webseite verbunden werden.

Bridgy ist mein nächster technischer Schritt

Bei meinen Recherchen stiess ich auch auf Bridgy. Der Dienst kann Inhalte einer entsprechend vorbereiteten Webseite auf bestehende Social-Media-Konten übertragen, unter anderem auf Mastodon und Bluesky. Dafür muss die technische Verbindung eingerichtet werden. Die Bridgy-Dokumentation beschreibt die Voraussetzungen.

Bridgy Fed ist ein eigener Dienst. Damit kann eine Webseite selbst als Profil über andere Netzwerke abonnierbar werden. Für die Erkennung neuer Beiträge kann Bridgy Fed unter bestimmten Voraussetzungen einen RSS- oder Atom-Feed nutzen. Wie das funktioniert, steht in der Bridgy-Fed-Dokumentationhttps://fed.brid.gy/docs.

Diese Verbindung habe ich noch nicht eingerichtet. Zuerst wollte ich einen funktionierenden Blog mit RSS-Feed auf meiner Webseite haben. Der nächste Schritt ist zu prüfen, welche Variante zu meinen bestehenden Profilen und meiner technischen Einrichtung passt. Bis dahin kann ich meine Artikel bereits mit einem eigenen Begleittext und einem Link teilen.

Wenn du selbst anfangen möchtest

Du kannst dir für den Einstieg eine überschaubare Reihenfolge geben:

  1. Wichtige Inhalte und Kontakte sichern und überlegen, wie du erreichbar bleiben möchtest.
  2. Eine eigene Webseite anlegen oder die vorhandene Seite als zentralen Ort nutzen.
  3. Beim Anbieter nach Blog, RSS beziehungsweise Atom und Exportmöglichkeiten fragen.
  4. Einen ersten Beitrag veröffentlichen und alle Wege zu ihm und zurück ausprobieren.
  5. Den Feed testen und auf der Webseite verlinken.
  6. Ein Netzwerk auswählen, dort deine Webseite angeben und den Artikel mit einem persönlichen Einstieg teilen.
  7. Danach entscheiden, welche weiteren Kanäle oder Automatisierungen dir tatsächlich helfen.

Abschliessender Gedanke

Mich hat diese Umsetzung ein bisschen Zeit, Geduld und mehr als ein «Warum lande ich schon wieder auf der Startseite?» gekostet. Inzwischen stehen der Blog und sein Feed. Artikel und Rubriken lassen sich aufrufen. Die nächsten Verbindungen kann ich darauf aufbauen.

Was mich an POSSE angesprochen hat, bleibt dabei der Ausgangspunkt: Ich veröffentliche auf meiner Webseite und entscheide von dort aus, wo ich meine Inhalte teilen möchte. Und ich kann Menschen mehrere Möglichkeiten geben, mit mir und meinen Gedanken verbunden zu bleiben.

Danke fürs Lesen

© Helga Bruderer 2026