Helga Bruderer

Betriebsökonomin mit Sinn für die leisen Dinge

3–4 Minuten

Der Weissling – Kleiner Kohlweissling oder Karstweissling?

Ein Weissling im Löwenzahn – Kleiner Kohlweissling oder ein Gast aus dem Süden?

Es war eine dieser ruhigen Momentaufnahmen, die mich innehalten lassen. Auf meinem Spaziergang entdeckte ich einen Weissling, der es sich auf einer leuchtend gelben Löwenzahnblüte gemütlich gemacht hatte. Was folgte, war ein fast intimes Beobachten aus nächster Nähe.

Der Falter liess sich von meiner Anwesenheit null beeindrucken. Während ich mich vorsichtig auf circa 20 Zentimeter näherte, um ein paar Fotos zu machen, setzte er seine Tätigkeit ungerührt fort. Auf den Nahaufnahmen ist deutlich sein langer, feiner Saugrüssel zu sehen, der tief in die Blütenmitte eingetaucht ist. Er saugte Nektar mit einer Hingabe, als wäre ich gar nicht da. Diese Unerschrockenheit, oder vielleicht auch schlichte Vertrautheit mit der Umgebung, ermöglichte mir einen selten genauen Blick auf seine Flügelzeichnung.

Die Qual der Wahl: Eckige oder runde Flecken?

Und genau hier beginnt das Rätsel, das mich seitdem beschäftigt.

Auf den ersten Blick wirkt es wie einer der gewohnten Kohlweisslinge, die wir hierzulande oft sehen. Doch bei der näheren Betrachtung der Fotos bin ich unsicher geworden. Die schwarzen Flecken auf den Vorderflügeln wirken auf mich nicht rundlich, wie es für den Kleinen Kohlweissling (Pieris rapae) typisch ist. Sie erscheinen mir eher eckig. Zudem scheint der dunkle Spitzenfleck an den Flügeln etwas weiter herabgezogen zu sein, als ich es vom Kleinen Kohlweissling kenne.

Könnte es sich hier um einen Karstweissling (Pieris mannii) gehandelt haben?

Der Karstweissling – Ein Neuling aus dem Süden

Diese Art gilt als „Neuling aus dem Süden“. Noch vor wenigen Jahren wäre eine solche Sichtung in unserer Region eine absolute Ausnahme gewesen, doch inzwischen breitet sich der Karstweissling schrittweise nach Mitteleuropa aus. Die Bestimmungsmerkmale sind knifflig. Während der Kleine Kohlweissling eher rundliche Diskalflecken aufweist, beschreibt die Literatur die Flecken des Karstweisslings als nahezu eckig. Auch die Länge des schwarzen Spitzenflecks liegt beim Karstweissling zwischen dem Kleinen und dem Grossen Kohlweissling, wie es auch in der Bestimmungshilfe des Tagfalter-Monitorings Deutschland detailliert dargestellt wird.

Allerdings ist die Verwechslungsgefahr gross. Selbst erfahrene Naturfreundinnen und Naturfreunde tun sich mitunter schwer, die beiden Arten im Feld sicher zu unterscheiden, zumal sich die Schuppenmerkmale an den Flügelspitzen mit dem Alter abnutzen können. Auch die Nahrung der Raupen gibt hier keinen sofortigen Aufschluss. Der Karstweissling bevorzugt zwar an Schleifenblumen und wilder Rucola zu fressen. Der Kleine Kohlweissling nutzt jedoch ein breites Spektrum an Kreuzblütlern, wozu theoretisch auch Pflanzen in der näheren Umgebung gehören könnten.

Mehr als nur eine Bestimmung

Was bleibt, ist die Faszination für den Moment selbst. Ob nun Pieris rapae oder Pieris mannii… dieser weisse Falter hat mir für einige Minuten erlaubt, die Welt aus seiner Perspektive zu sehen. Aus der Nähe betrachtet, wirkt die Struktur seiner Flügel wie feinstes Papier, bestäubt mit winzigen Schuppen. Der Saugrüssel, mit dem er den Nektar aus dem Löwenzahn sog, ist ein technisches Wunderwerk der Natur. Dünn und doch stabil genug, um tief in die Blüte vorzudringen.

Die exakte Artbestimmung mag im ersten Moment gar nicht das Wichtigste sein. Denn für mich zählt eher, dass wir bemerken, wenn sich in der Natur etwas verändert. Dass neue Arten mit der Klimaerwärmung zu uns kommen und wir lernen, sie zu erkennen. Der Karstweissling wäre eine spannende Bestätigung dafür, dass sich unsere Natur im Wandel befindet.

Ich werde die Augen offen halten. Beim nächsten Mal werde ich gezielt nach Schleifenblumen Ausschau halten, um zu sehen, ob sich dort vielleicht eine Raupe mit schwarzem Köpfchen versteckt. Bis dahin geniesse ich die Erinnerung an diesen Schmetterling im Löwenzahn, der mich wieder die Wunder der Natur gelehrt hat.

Literatur und Bestimmungshilfen:

NABU: Kohlweisslinge im Garten – Erkennen, beobachten, ansiedeln

Tagfalter-Monitoring Deutschland / UFZ: Bestimmungstafel Weisslinge (PDF)

Danke fürs Lesen

© Helga Bruderer 2026