Helga Bruderer

Betriebsökonomin mit Sinn für die leisen Dinge

8–12 Minuten

Ein Preisanker für Natur – Ein Gedankenexperiment

Kann es einen Preisanker für Natur und Biodiversität geben?

Wenn von Biodiversität die Rede ist, wird oft schnell nach einer Zahl gefragt: Was ist sie wert? Was kostet ihr Verlust? Welchen Betrag müsste ein Unternehmen, ein Staat oder eine Stiftung zahlen, um Schutz und Wiederherstellung von Natur angemessen zu finanzieren? Die Frage liegt nahe, weil Entscheidungen über Flächen, Investitionen und Schäden häufig in Geld getroffen werden. [1]

Sie wird jedoch irreführend, sobald sie so verstanden wird, als liesse sich der Wert der Natur insgesamt in einen einzigen Geldbetrag übersetzen. Biodiversität meint nicht nur Artenzahl, sondern auch Vielfalt und Zusammenspiel von Lebensformen, Lebensräumen und ökologischen Funktionen. Die Forschung zur Bewertung von Ökosystemleistungen unterscheidet deshalb wirtschaftliche, ökologische, kulturelle, gemeinschaftliche und eigenständige Werte der Natur. Diese Wertarten sind nicht ohne Weiteres auf einen gemeinsamen Massstab wie Geld reduzierbar. [1]

Dieses Exposé möchte ein Gedankenexperiment aufwerfen: Kann für Natur, Biodiversität und Renaturierung einen nachvollziehbaren Mindestbetrag bestimmt werden? Dieser Betrag soll kein Kaufpreis sein, sondern eine begründete Zahlungsuntergrenze für einen bestimmten und überprüfbaren Nutzen eines Projekts. Diese Einschränkung ist wichtig, weil eine auf Nutzen gerichtete Bewertung zumindest teilweise voraussetzt, dass Leistungen ersetzbar oder ausgleichbar seien. Gerade das trifft auf viele ökologische und kulturelle Werte nicht zu. [1]

Die Ausgangslage – Mehrere Bewertungswege, aber kein gemeinsamer Massstab für Biodiversität

Die Diskussion kennt verschiedene Wege, Biodiversität in Entscheidungen sichtbar zu machen. Ein Weg sind Befragungen zur Zahlungsbereitschaft. Sie versuchen zu erfassen, welchen Betrag Menschen für den Schutz von Arten oder Lebensräumen zu zahlen bereit wären. Auch dann, wenn sie diese nicht unmittelbar nutzen. Ein anderer Weg ermittelt Kosten, welche Mittel erforderlich sind, um ein politisch festgelegtes Schutz- oder Wiederherstellungsziel zu erreichen? Beide Wege können politische Entscheidungen informieren. Sie beantworten jedoch unterschiedliche Fragen und sind nicht mit einem objektiven Preis der Natur gleichzusetzen. [1]

Das ist kein Einwand gegen jede Geldbewertung. Geld kann in einer Haushaltsentscheidung sichtbar machen, was sonst übergangen würde. Aber eine Geldzahl sollte als ein Instrument unter mehreren verstanden werden. Die Wahl einer Bewertungsmethode bestimmt mit, welche Daten zählen, wer an der Bewertung beteiligt ist und welche politischen Schlüsse nahegelegt werden. [1]

 
Der Vorschlag – Ein Preis für vermiedene Klimagesundheitsschäden

Das Gedankenexperiment beschränkt sich absichtlich auf einen einzelnen Wirkungsweg: [2][3]

Verbesserter Naturzustand→veränderte Ökosystemfunktion→zusätzliche Netto-Kohlendioxidspeicherung oder vermiedene Emissionen→geringere Erderwärmung→geringere klimabedingte Gesundheitsschäden.

Die Idee lautet: Wenn ein Naturschutz- oder Renaturierungsprojekt nachweislich zu einer zusätzlichen und dauerhaften Verringerung von Netto-Kohlendioxidemissionen führt, mindert es einen Teil künftiger Klimaschäden. Ein Teil dieser Schäden betrifft die menschliche Gesundheit, etwa durch temperaturbedingte Sterblichkeit. Bressler entwickelte hierfür die Kennzahl „Sterblichkeitskosten von Kohlendioxid“ und schätzte in einem Klimawirkungsmodell die zusätzlichen temperaturbedingten Todesfälle je weiterer Tonne Kohlendioxid. Die Einbeziehung solcher Sterblichkeitsfolgen veränderte in diesem Modell den geschätzten sozialen Preis von Kohlendioxid deutlich.[3]

Der mögliche Preisanker wäre damit nicht „der Wert der Biodiversität“. Er könnte sich vielmehr so beschreiben lassen:

Diese Formel ist keine naturwissenschaftliche Messgleichung, sondern eine transparente Regel für eine begrenzte gesellschaftliche Bewertung.[3] Sie behauptet nicht, Biodiversität sei nur wertvoll, weil sie Kohlenstoff speichert. Sie will sagen: Dort, wo ein verbesserter Naturzustand zusätzlich zu einer nachweisbaren Veränderung des Kohlenstoffhaushalts beiträgt, gibt es einen begrenzten, in Geld ausdrückbaren Nutzen. Werte wie die Existenz einer seltenen Art, die Bedeutung einer Landschaft als Heimat oder die Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen bleiben ausserhalb dieser Rechnung.[1]

 
Die schwierigste Aufgabe – Zurechnung statt blosser Beobachtung

Die schwierigste Frage liegt am Anfang der Rechnung: Wie lässt sich zeigen, dass gerade die Verbesserung des Naturzustands zu einer zusätzlichen Veränderung des Kohlenstoffhaushalts geführt hat – und nicht etwa Wetter, Bewirtschaftung, Standortwahl oder ein anderer Einfluss?[4]

Die ökologische Forschung gibt einen Grund, diese Verbindung ernst zu nehmen. Es soll aber kein Freibrief für pauschale Umrechnungen sein. Eine Meta-Analyse von 95 Biodiversität-Ökosystemfunktionsstudien an 60 Standorten fand, dass höhere Pflanzenartenvielfalt mit höheren Kohlenstoffvorräten verbunden war. Die beobachteten Wirkungen unterschieden sich jedoch zwischen Ökosystemtypen und Kohlenstoffspeichern. Viele der zugrunde liegenden Experimente waren zudem kürzer als 25 Jahre.[2]

Auch eine globale Modellstudie stützt die Möglichkeit eines solchen Zusammenhangs. Dabei wurden die projizierte Veränderungen der Pflanzenvielfalt mit empirischen Beziehungen zwischen Artenvielfalt und Biomasse verknüpft und schätzte daraus mögliche zusätzliche Verluste von Kohlenstoffspeichern. Ihre Autoren betonen zugleich, dass die Übertragung lokal kontrollierter Experimente auf grosse, natürliche Räume Annahmen erfordert und die Unsicherheit beträchtlich bleibt.[4]

Eine allgemeine Umrechnung –etwa „ein Biodiversitätspunkt entspricht immer einer bestimmten Menge Kohlendioxid“– wäre daher nicht glaubwürdig. Der Preisanker könnte nur für einzelne Projekte, klar abgegrenzte Landschaften oder vergleichbare Gruppen von Projekten entstehen. Und er braucht eine Ausgangslinie (Baseline) „Was wäre ohne die Finanzierung wahrscheinlich geschehen?“ Er braucht Vergleichsflächen oder andere überzeugende Vergleichsverfahren. Und er muss offenlegen, wie mit Unsicherheit, zeitlicher Verzögerung und möglichen Rückschlägen umgegangen wird. Die Wahl einer Baseline beeinflusst nicht nur die ökologische Bewertung, sondern auch ihre politischen und ethischen Folgen.[5]

 
Zeit und Messung

Besonders wichtig ist der Zeitverlauf. Bei der Wiederherstellung von Mooren, Wäldern, Gewässern oder anderen Lebensräumen reagieren nicht alle Merkmale gleichzeitig. Eine Übersicht zur Renaturierung komplexer Ökosysteme beschreibt etwa, dass selbst nach mehr als zwanzig Jahren Wiederherstellungsmassnahmen ursprüngliche Artenvielfalt verschiedener Mangroven-Lebgemeinschaften nicht vollständig erreicht wurde. Sie fordert deshalb langfristige und räumlich abgestufte Perspektiven statt eines schnellen Urteils über Erfolg oder Misserfolg.[5] Wenn Naturleben als ein kontinuierlicher Progess gemessen wird, könnte nicht die Wiederherstelung eines zerstörten Lebensraums als valide Zielgrösse erfasst werden, sondern die Entstehung von neuem Leben, das sich durch die neuen Bedingungen entwickelt und so eine neue Balance im örtlichen Ökosystem bildet.

Für dieses Gedankenexperiment wäre deshalb eine Kette aus Messung, Berichterstattung und Überprüfung erforderlich. Beobachtet werden müssten mindestens drei Ebenen: der Zustand der Biodiversität oder ökologischen Integrität, Veränderungen wichtiger Ökosystemfunktionen und der Netto-Kohlendioxidfluss. Erst eine gemeinsame Beobachtung über längere Zeit kann die Frage der Zurechnung belastbarer machen.[5][6]

Umwelt-DNA und satellitengestützte Fernerkundung können dabei wertvolle Hilfsmittel sein. Umwelt-DNA kann Biodiversitätsdaten über viele Organismengruppen vergleichsweise schnell und ohne invasive Eingriffe liefern. Für ihre Verwendung im Renaturierungsmonitoring gibt es jedoch kein allgemeingültiges Verfahren. Die Wahl des Probenmaterials, Entnahme und Lagerung, Nachweisverfahren und Auswertung müssen für den jeweiligen Ort und Zweck geplant werden.[6]

Messung sollte daher nicht den Anschein technischer Gewissheit erzeugen. Ihre Aufgabe ist bescheidener und zugleich wichtiger. Sie soll nämich sichtbar machen, welcher Effekt nachgewiesen ist. Das heisst, wie gross die verbleibende Unsicherheit ist und welcher Teil einer Zahlung erst nach späterer Überprüfung fällig werden sollte. Gerade weil Wiederherstellung von äusseren Belastungen begrenzt oder rückgängig gemacht werden kann, gehört ein Umgang mit Rückschlägen zur Logik eines belastbaren Preisankers.[5]

 
Wofür ein solcher Preisanker für Biodiversität dienen könnte – und wofür nicht

Ein solcher Betrag könnte öffentlichen Förderstellen helfen, Mindestbudgets für nachweisbar wirksame Projekte zu begründen. Er könnte auch Grundlage für Verträge sein, in denen ein Teil der Zahlung an überprüfte Zwischenschritte und langfristige Ergebnisse gebunden wird. Seine Funktion wäre nicht, Märkte um jeden Preis zu schaffen, sondern Entscheidungen nachvollziehbarer zu machen, wenn Klimanutzen tatsächlich ein Teil des Projektziels ist. Geldbewertung ist dabei weder zwingend noch ausreichend. Die Forschung zur Bewertung von Ökosystemleistungen beschreibt ausdrücklich auch nichtmonetäre und beratende Verfahren, mit denen unterschiedliche Wertvorstellungen sichtbar gemacht werden können.[1]

Der Preisanker darf nicht zur Rechtfertigung werden, an anderer Stelle einzigartige Natur zu zerstören, solange nur eine rechnerische Zahlung geleistet wird. Eine Geldbewertung kann kritische Schwellenwerte, begrenzte Ersetzbarkeit und nicht wirtschaftliche Werte verdecken. Ein Projekt, das messbar Klimaschäden mindert, ist deshalb nicht automatisch gleichwertig mit einem verlorenen Lebensraum, einer bedrohten Art oder einer kulturell bedeutsamen Landschaft.[1]

 
Die offene Frage

Das Gedankenexperiment führt zu einer vorsichtigen Antwort: Ein Preisanker für Naturschutz und Renaturierung ist denkbar, wenn er sich auf einen eng bestimmten und überprüfbaren Wirkungsweg beschränkt. Er wäre ein Preis für zusätzlich vermiedene Klimagesundheitsschäden, die mit einem Projekt verbunden sind. Er wäre weder ein allgemeiner Biodiversitätspreis noch ein Mass für den gesamten Wert der Natur.[1]

Gerade diese Begrenzung ist keine Schwäche. Denn sie macht sichtbar, was unter klaren Voraussetzungen begründet bezahlt werden kann. Und was weiterhin als Schutzpflicht, Gerechtigkeitsfrage oder nicht verrechenbarer Wert behandelt werden muss. Das eigentliche offene Forschungsfragen besteht dann darin, konkrete Orte belastbar zu prüfen: Verbessert das Projekt den Naturzustand? Verändert es dadurch dauerhaft den Kohlenstoffhaushalt? Und welcher Anteil dieser Veränderung wäre ohne das Projekt nicht eingetreten?[2][4]


Hinweis: Dieser Beitrag schlägt keinen Preis für Biodiversität vor. Er fragt, ob sich für einen eng begrenzten und nachweisbaren Klimanutzen von Naturschutz- und Renaturierungsprojekten eine verantwortbare Preisuntergrenze entwickeln liesse.

Dies ist der Auftakt zu einer Serie von Gedankenexperimenten. Sie entwickelt schrittweise die Frage, ob und unter welchen Bedingungen für Naturschutz und Renaturierung ein begründeter Preisanker entstehen könnte. Der erste Beitrag stellt nur den möglichen Wirkungsweg vor und seine Grenzen; die folgenden Beiträge prüfen die offenen Annahmen.


 
Woher dieses Gedankenexperiment kommt

Ich liebe es, Natur zu beobachten, wie sie wächst, gedeiht und blüht. Seit einiger Zeit fallen mir jedoch auch als Laie Veränderungen auf, die mich beschäftigen. Ein einfaches Beispiel ist die Windschutzscheibe. Ich erinnere mich, wie üblich es in den 1990er Jahren war, nach einer Autofahrt die Insektenreste von der Scheibe zu entfernen. Heute bemerke ich dort kaum noch welche. Meine Erfahrung verweist auf etwas, das in der öffentlichen Diskussion als „Windschutzscheiben-Phänomen“ bekannt geworden ist. Diese alltägliche Beobachtung lässt mich fragen, was um uns herum verloren geht.

Gleichzeitig beschäftigen mich die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels, etwa hitzebedingte Erkrankungen und Todesfälle oder längere Pollensaisons, die allergische Beschwerden verstärken können. Die Zusammenhänge zwischen Biodiversität, Klima und unserer Gesundheit rückten für mich zunehmend in den Vordergrund.

Spätestens als ich den Weiterbildungskurs Business Sustainability Management am University of Cambridge Institute for Sustainability Leadership (CISL) absolvierte und mich in meinem Ongoing Project mit klimabedingten Gesundheitsschäden befasste, reifte eine Frage in mir:

Welcher Wert müsste der Biodiversität in wirtschaftlichen Entscheidungen beigemessen werden, damit Unternehmen und Kapitalgeber einen Anreiz erhalten, in ihren Schutz und ihre Wiederherstellung zu investieren?

Ich begann, mich in diese für mich ausgesprochen spannende Thematik zu vertiefen. Mich fasziniert, welche Ansätze weltweit diskutiert werden und welche Fragen dabei offenbleiben. Dieses Exposé ist der Ausgangspunkt meines eigenen Gedankenexperiments. Von hier aus möchte ich weiter meine Annahmen prüfen und die Entwicklung meiner Überlegungen Schritt für Schritt veröffentlichen. Dazu gehören auch die Punkte, an denen ich auf Grenzen stosse oder meine Gedanken korrigieren muss.

Ich behaupte nicht, dass dieses Gedankenexperiment dem fachlichen Mainstream entspricht oder eine abschliessende Lösung präsentieren will. Vielmehr ist es mein Versuch, eine Fragestellung so zu formulieren, dass weder die ökonomische Terminologie das Gespräch dominiert noch die Komplexität der Natur uns daran hindert, über konkrete Finanzierungsmodelle nachzudenken. Denn möglicherweise liegt der Wert darin, eine behutsame Verbindung zwischen diesen beiden Denkansätzen herzustellen.


Literatur

[1] Arias-Arévalo, P., Gómez-Baggethun, E., Martín-López, B. & Pérez Rincón, M. A. (2018). Widening the Evaluative Space for Ecosystem Services: A Taxonomy of Plural Values and Valuation Methods. Environmental Values. https://doi.org/10.3197/096327118X15144698637513

[2] Xu, S., Eisenhauer, N., Ferlian, O., Zhang, J., Zhou, G., Lu, X., Liu, C. & Zhang, D. (2020). Species richness promotes ecosystem carbon storage: evidence from biodiversity–ecosystem functioning experiments. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 287(1939), 20202063. https://doi.org/10.1098/rspb.2020.2063[3] Bressler, R. D. (2021). The mortality cost of carbon. Nature Communications, 12,4467. https://doi.org/10.1038/s41467-021-24487-w

[4] Weiskopf, S. R., Isbell, F., Arce-Plata, M. I. et al. (2024). Biodiversity loss reduces global terrestrial carbon storage. Nature Communications, 15, 3784. https://doi.org/10.1038/s41467-024-47872-7

[5] Monsarrat, S., Fernández, N., Pereira, H. M. & Svenning, J.-C. (2022). Supporting the restoration of complex ecosystems requires long-term and multi-scale perspectives. Ecography, e06354. https://doi.org/10.1111/ecog.06354

[6] van der Heyde, M., Bunce, M. & Nevill, P. (2023). Key factors to consider in the use of environmental DNA metabarcoding to monitor terrestrial ecological restoration. Science of the Total Environment, 852, 157617. https://doi.org/10.1016/j.scitotenv.2022.157617

Danke fürs Lesen

© Helga Bruderer 2026