Helga Bruderer

Betriebsökonomin mit Sinn für die leisen Dinge

4–6 Minuten

Der Buchsbaumzünsler – Wer ist hier der Schädling?

Ein Nachtfalter und die Grenzen unseres Blicks

Ein Nachtfalter flatterte am Abend in meine Küche. Das Licht warf seinen Schatten auf die helle Wand. Ich sah die dunklen Flügel, durchzogen von feinen Adern, und die kleinen hellen Zeichen darauf – zwei weisse Halbmonde, die wie stille Leuchtfeuer in der Nacht wirkten.1

Bei der Bestimmung stiess ich auf den Buchsbaumzünsler, Cydalima perspectalis. Neben den bekannteren, häufiger vorkommenden hellen Tieren gibt es diese dunkle Farbform. Die melanistische Variante ist wie ein Schatten, der sich von der gewohnten Helligkeit der Art abhebt, doch die zwei weissen Punkte auf den Flügeln bleiben wie kleine Leuchtfeuer der Identität. Es ist erstaunlich, wie die Natur selbst in der Dunkelheit ihre Signale setzt.

Dann kam das Wort, das in vielen Beschreibungen gleich hinter dem Artnamen steht: Schädling. Eben hatte ich einen Nachtfalter vor mir gesehen. Jetzt sollte ich in ihm vor allem eine Bedrohung sehen. Wie geschieht dieser Wechsel? Und was erlaubt uns die anthropozentrische Etikettierung?

«Schädling» ist kein Körpermerkmal

Seine Flügel sind dunkel. Er gehört zu einer bestimmten Art. Aber «Schädling» lässt sich nicht auf dieselbe Weise an ihm ablesen wie die weissen Flecken. Das Wort setzt bereits einen Massstab voraus: dass etwas oder jemand durch dieses Tier geschädigt werden soll. Der Forstentomologe Wolfgang Schwenke formulierte das bereits 1968 bemerkenswert deutlich: «Schaden» und «Nutzen» stammen aus der Interessensphäre des Menschen und verändern sich mit diesen Interessen.2

Das heisst nicht, Schäden seien eingebildet. Es bedeutet, dass eine Beobachtung – «Raupen fressen Blätter» – und das menschliche Urteil – «dieses Lebewesen ist ein Schädling» – nicht dasselbe sind. Dazwischen liegen Fragen: Welcher Buchsbaum ist betroffen? Wie schwer ist der Schaden? Wer verliert etwas? Und warum wird ausgerechnet das Interesse, an dem der Mensch misst, zum selbstverständlichen Mass aller Dinge? 2

 

Ein Wort mit Folgen

Ein Name benennt nicht bloss. Er kann den Blick verengen. Sage ich «Buchsbaumzünsler», spreche ich von einer Schmetterlingsart mit einer Lebensgeschichte, von einem Tier, das nachtaktiv ist und keine Pflanzen frisst. Sage ich ausschliesslich «Schädling», wird diese Geschichte leicht zur Fussnote seiner Bekämpfung.3

Das ist der ethisch heikle Schritt. Aus «Dieses Tier kann hier Schaden verursachen» wird «Dieses Tier hat keinen Wert ausserhalb seines Schadens». Aus einer Beschreibung einer Beziehung wird eine vermeintliche Eigenschaft des Tieres. Seine Tötung erscheint dann nicht mehr als begründungsbedürftige Entscheidung, sondern als selbstverständliche Konsequenz seines Namens. Ich möchte gerade diese Selbstverständlichkeit unterbrechen.

 

Aber der Buchsbaum ist ebenfalls lebendig

Die Gegenfrage ist unbequem und notwendig: Wen übersehe ich, wenn ich nur den Nachtfalter sehe? Die Raupen, nicht der Nachtfalter in meiner Küche, fressen an Buchs. Ihr Frass kann nicht nur Gartenhecken, sondern auch wild wachsende Buchsbestände schädigen. Eine Untersuchung aus den nordwestlichen Alpen beschreibt natürliche Buchsbestände als Teil eines geschützten Lebensraums und den Zünsler als Gefahr für diese Bestände. 4 5 6

Hier stossen zwei ethische Perspektiven aufeinander. Die Tierethik fragt nach dem einzelnen Lebewesen und dem Schaden, den wir ihm zufügen. Die Umweltethik fragt auch nach Populationen, Arten und Lebensräumen. In der Forschung zur Ethik invasiver Arten wird ausdrücklich beschrieben, dass sich diese Verpflichtungen in konkreten Naturschutzentscheidungen widersprechen können.7

Der Zünsler stammt ursprünglich aus Ostasien. Seine Ausbreitung in Europa hängt unter anderem mit dem Handel mit Buchspflanzen zusammen. Ich finde es merkwürdig, einem Falter moralisch anzulasten, was durch menschliche Warenwege möglich wurde. Aber menschliche Mitverantwortung macht die Schäden an wilden Buchsbeständen nicht kleiner. Sie verpflichtet uns eher, sowohl die Ursachen als auch die Folgen anzuschauen, statt dem Tier die ganze Geschichte aufzubürden. 1

Was wäre eine verantwortliche Antwort?

Für mich beginnt sie mit einer anderen Frage als «Wie werde ich diesen Schädling los?»: Welcher konkrete Schaden soll verhindert werden, und welcher Eingriff ist dafür tatsächlich geeignet und nötig?

In meinem Küchenmoment sehe ich keinen Grund, einen einzelnen Falter zu töten. Ich kann ihn vorsichtig nach draussen begleiten. Das ist meine Entscheidung für diese Begegnung. Der Konflikt zwischen individuellen Tieren und dem Schutz von Beständen lässt sich nicht mit einem einzigen Grundsatz auflösen. 7

Wer Buchs im Garten erhalten möchte, kann zunächst die Pflanzen auf Raupen und Frassspuren kontrollieren. Der NABU empfiehlt diese gezielte Beobachtung und rät von pauschalem Gifteinsatz ab. In einem empfindlichen natürlichen Buchsbestand können andere Massnahmen zu prüfen sein. Aber auch dort verdienen Zweck, Wirksamkeit, Nebenfolgen und das Leid betroffener Tiere eine offene Begründung. 4

Der Falter in meiner Küche ist nicht «böse». Der mögliche Schaden seiner Raupen ist dennoch real. Oder liegt der eigentliche Schaden darin, dass der Mensch in Ökosysteme eingreift, indem er Lebensräume an das andere Ende der Welt verpflanzt und sich ihr untertan macht?

Was ist ein Schädling, den es zu bekämpfen gilt? Könnte die zukünftige Frage im Umgang mit Biodiversität so lauten: Ist es Zeit, den Blick zu weiten, weg vom Etikett, hin zur Beziehung?

Literatur

  1. Naturportal Südwest: Artporträt «Buchsbaum-Zünsler». Beschreibung der dunklen Farbform und der Frasspflanze. 1
  2. Schwenke, W. (1968): «Schädlinge und ihr Schaden». Ein früher deutschsprachiger Text darüber, warum «Schaden» und «Nutzen» vom menschlichen Blickwinkel abhängen.2 
  3. Best, J. (2018): «Constructing animal species as social problems». Über die gesellschaftliche Aushandlung von Kategorien wie «Schädling» und «invasiv».4 
  4. NABU Baden-Württemberg: «Buchsbaumzünsler nicht mit Gift bekämpfen». Hinweise zu Raupenbefall, Kontrollen und Massnahmen im Garten. 5
  5. Kanton Basel-Stadt: «Buchsbaumzünsler». Auch Wildbestände im Wald können betroffen sein. 6
  6. Ferracini, C., und Kolleginnen und Kollegen (2022): «The Box Tree Moth: An Invasive Species Severely Threatening Buxus Natural Formation in NW Italy». Untersuchung natürlicher Buchsbestände in einem geschützten Lebensraum. 7
  7. Parke, E. C., und Russell, J. (2018): «Ethical responsibilities in invasion biology». Zum Konflikt zwischen dem Schutz einzelner Tiere und dem Schutz von Arten und Ökosystemen. 8

Danke fürs Lesen

© Helga Bruderer 2026