Die Marmorierte Baumwanze – Zwischen Stinkwolke und der Realität als Neozoon
Sie kommt immer wieder mit einer beharrlichen Regelmässigkeit, die mich stutzig macht. Ein kleines Insekt, das sich in meine Wohnung verirrt hat und nun scheint, als würde es hier ein zweites Zuhause suchen. Heute fand ich heraus, wer da eigentlich zu Besuch ist. Es ist die Marmorierte Baumwanze (Halyomorpha halys).
Meister der Tarnung im Spiel von Licht und Schatten auf Baumrinden
Auf den ersten Blick wirkt sie unscheinbar. Doch bei genauerem Hinsehen offenbart sie eine komplexe Zeichnung. Ihr Name ist Programm: „Marmoriert“ beschreibt das Muster auf ihrem Rückenschild perfekt. Es erinnert an einen Marmorstein, ein Spiel aus hellen und dunklen Brauntönen, durchzogen von feinen, wellenförmigen Linien. Die Ränder des Halsschilds und der Flügeldecken sind oft heller gesprenkelt, was ihr ein fast getupftes Aussehen verleiht.
Die Fühler sind lang und gegliedert, abwechselnd dunkel und hell geringelt wie kleine Antennen, die die Welt abtasten. Auch die Beine tragen dieses Muster. Wenn sie still sitzt, wirkt ihre Silhouette breit und schildförmig, ein klassischer Vertreter der Baumwanzen. Doch in dieser scheinbar statischen Form verbirgt sich eine grosse Beweglichkeit. Sie ist ein Meister der Tarnung, deren Muster im Spiel von Licht und Schatten auf Baumrinden fast verschwinden kann.

Wo sie herkommt und wo sie lebt
Die Art hat ihre natürliche Verbreitung im gemässigten Ostasien. Sie wurde als Neozoon – also als neu eingebürgerte Art – erst nach Nordamerika und später auch nach Europa eingeschleppt. Interessanterweise stammen die allerersten Nachweise dieser Wanze in Europa aus dem Jahr 2007 – aus der Region Zürich. Damals dokumentierten Forschende des Eidgenössischen Instituts für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) fünf Fundorte, darunter einen massiven Befall an exotischen Ziersträuchern in Erlenbach.
Ursprünglich in Wäldern und an Waldrändern zu Hause, hat sie schnell gelernt, menschliche Siedlungen für sich zu nutzen. Im Spätsommer und Herbst, wenn die Temperaturen sinken, suchen die Tiere geschützte Orte für ihre Überwinterung. Dann werden sie zu Gästen in unseren Häusern, kriechen in Ritzen, hinter Rollläden oder direkt in unsere Wohnräume, wie die Wanze in meinem Wohnzimmer. Was als stiller Einwanderer begann, kann sich schnell in eine Plage verwandeln, wenn sich Hunderte von ihnen in den Dielenritzen versammeln.

Was sie frisst und warum man sie fürchtet
Doch dann fiel mir bei der Recherche wieder etwas auf. Auch bei dieser Art klebt das Wort „Schädling“ fast schneller am Namen als die Beschreibung ihres Lebens. In der wissenschaftlichen Erstbeschreibung wird sie als potenziell schwerwiegender Schädling für Kern- und Steinobst sowie für Ziergehölze bezeichnet. Ein hartes Urteil. Ein Wort, das den Blick verengt, noch bevor man das Tier wirklich gesehen hat.
Ihre Nahrungspalette ist breit. Sie saugt an einer Vielzahl von Pflanzen. Obstbäume wie Apfel, Birne, Pfirsich und Kirsche, aber auch Beeren, Trauben, Sojabohnen und zahlreiche Zierpflanzen wie den Schmetterlingsflieder oder den Blauglockenbaum stehen auf ihrer Ernährungsliste. Mit ihrem stechend-saugenden Mundwerkzeug durchbohrt sie die Haut der Früchte, um an den Saft zu gelangen. Die Folgen können für Landwirte und Gärtner verheerend sein, weil Früchte verkrüppeln, fleckige Stellen bekommen oder vorzeitig Fruchtfall eintreten kann.
Die Studie aus dem Jahr 2008 berichtet sogar von Fällen, in denen Ziersträucher wie die Scheinkamelie (Stewartia pseudocamellia) aufgrund des exzessiven Befalls abstarben. Für einen Betrieb, der von der Ernte lebt, ist jede zerstörte Frucht eine direkte Bedrohung der Existenz. Für den Gartenbesitzer ist es der Verlust von Jahren an Pflege und Wachstum.
Ist sie ein Schädling, weil sie Obst anfrisst? Aus der Perspektive eines Landwirtschaftsbetriebs oder eines Gärtners ist die Antwort ein klares Ja. Der Schaden ist real. Die Ernte ist bedroht. Die Existenz steht auf dem Spiel. Aber ist „Schädling“ eine Eigenschaft des Tieres? Oder ist es, wie beim Buchsbaumzünsler, eine Zuschreibung, die aus der Kollision zwischen menschlichem Interesse und tierischem Überleben entsteht? Wobei menschliches Interesse stellvertretend für das ausschliessliche Interesse an tief(st)en Produktionskosten mit den grössten Gewinnen steht. China das eine, die westlichen Indutsriestaaten das andere. Genau, es grüsst das Profit-Geschäftsmodell unseres konventionellen Wirtschaftssystems, das es überhaupt ermöglicht, dass Tierarten die Kontinente neu beheimaten. Ich frage mich, warum der Mensch nicht als „invasiv“ bezeichnet wird.
Zurück zur Marmorierte Baumwanze.
Zwischen Erinnerung und Urteil
Schon beim Namen „Baumwanze“ musste ich lächeln. Meine erste Begegnung mit einer Stinkwanze war nämlich eine emotionale in meiner Kindheit. Sie hiess Wanze Caruso aus „Biene Maja“. Ich lernte damals, dass Stinkwanzen bei Angst eine unglaubliche Wolke absetzen können. Eine defensive Selbstverteidigung, chemisch und sehr, sehr wirksam. Wie sehr, habe ich viel später nasennah erlebt. Mein Hase Giulietta war neugierig, wie so häufig. Sie roch an einer Stinkwanze, die daraufhin die volle Pulle ihrer Stinkladung direkt in Giuliettas Mund und Nase abfeuerte. Der Geruch war penetrant-scharf und wirklich widerlich. Giulietta stank schrecklich. Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment, in dem die Theorie aus dem Kinderfernsehen zur olfaktorischen Realität wurde.
Die Gemeine Stinkwanze, die Giulietta damals traf, hat nichts mit der Marmorierten Baumwanze zu tun, die mich heute besucht. Beide gehören zwar derselben Familie an, den Baumwanzen (Pentatomidae), doch sie sind unterschiedliche Charaktere. Die Marmorierte ist ein Neuankömmling in Europa.
Die Marmorierte Baumwanze ist nicht „böse“. Sie frisst, weil sie leben muss. Sie stinkt, wenn sie Angst hat. Sie wandert, weil der Mensch sich ausbreitet – meistens aufgrund der Handelswege. Das Wort „Schädling“ aber macht aus einer Beziehung eine Eigenschaft. Aus einem Lebewesen wird ein Problem. Und aus einem Problem wird schnell eine Rechtfertigung für Bekämpfung. Bekämpfung bedeutet Vernichtung.
Ich möchte diese Selbstverständlichkeit unterbrechen. Ich leugne den Schaden an der Obsternte oder an den Ziersträuchern nicht. Die Studien belegen ihn eindrücklich. Vielmehr frage ich, was wir verlieren, wenn wir ein Tier nur noch als „Schädling“ sehen? Verlieren wir die Möglichkeit, seine marmorierte Zeichnung zu bewundern? Verlieren wir den Respekt vor seinem Leben? Und vergessen wir, dass wir selbst es waren, die es hierher gebracht haben? Vielleicht ist sie gar kein invasiver Eindringling, sondern vielmehr ein Bote, der uns daran erinnert, dass die Population einer Tierart mit der Art korreliert, nach welchen Grundsätzen wir unser Wirtschaftssystem gestalten. Und dass das Wort „Schädling“ vielleicht weniger über das Tier aussagt als mehr über uns selbst.
Literatur
Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Marmorierte_Baumwanze